Alle Vectron-Fahrzeuge im railCare-Design sind mit einem Diesel Power Modul ausgerüstet. Dadurch kann das Coop-Tochterunternehmen auf den Einsatz zusätzlicher Rangierlokomotiven verzichten.

Es bewegt sich einiges in der Schweizer Bahnwelt. Besonders im Güterverkehr; da spielt der freie Markt, und frische Ideen haben freie Fahrt. In diesem Fall geht es unter anderem um frische Tomaten und andere verderbliche Güter. Damit diese empfindlichen Lebensmittel und viele andere Produkte jeden Morgen pünktlich im Regal der Supermärkte bereit liegen, betreibt Coop Schweiz ein eigenes Eisenbahn-Verkehrsunternehmen namens railCare AG. Es betreibt mit flinken, aber kurzen Zügen (maximal 300 m beziehungsweise 700 Tonnen) einen fahrplanmässigen Betrieb mit bis zu drei täglichen Fahrten auf fünf verschiedenen innerschweizerischen Strecken. Dabei werden überwiegend Haltepunkte angesteuert, deren Namen kaum einem Bahnpassagier geläufig sind: Schafisheim, Niederbottigen, Aclens oder Chavornay zum Beispiel (siehe Kasten). Es sind teils Coop-eigene Verteilzentren mit Anschlussgleisen, aber allesamt Bahnhöfe mit moderner Infrastruktur für den Container-Umlad vom Lastwagen auf den Zug und umgekehrt. Die Züge bestehen aus speziellen Containerwagen mit Coop-eigenen, teils gekühlten Containern, welche ihrerseits modernsten Standards entsprechen und sowohl per Kran, Rech-Stacker und Horizontalumschlag von einem Verkehrsmittel auf das andere umgeladen werden können. Gezogen werden die Züge ab Oktober 2017 von modernen Siemens-Lokomotiven des Typs Vectron.

Umfassendes Servicepaket

Die tägliche Versorgung von ungefähr 2000 Verkaufsstellen in der ganzen Schweiz ist ein komplexer Prozess und in jeder Phase zeitkritisch, denn am Schluss der Transportkette steht jeden Tag von neuem die Türöffnung der Supermärkte. Dieser Fixpunkt ist unverrückbar, und wehe dem Filialleiter, wenn die Tomaten fehlen!
Damit das System funktioniert, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Eine der anspruchsvolleren ist die technische Zuverlässigkeit des Eisenbahn-Rollmaterials, was vor allem heisst: der Lokomotiven. Dies ist eine technische Herausforderung, welche nicht zu den Kernkompetenzen eines Detailhandelskonzerns gehört. Deshalb hat ihn Coop ausgelagert. Die Vectron-Maschinen werden im Rahmen eines Pauschalvertrags von Siemens Mobility Services instandgehalten. Für Siemens ist das keine Neuheit, denn ähnliche Verträge laufen bereits in 26 anderen Ländern der Welt. Neu ist aber der umfassende Charakter des Servicepakets: Weil nämlich Siemens mit zahlreichen Partnern zusammenarbeitet – am intensivsten mit SBB Cargo AG – ist der Service umfassender als sonstwo.
Auf dem Papier sieht das System einfach aus: railCare zahlt eine Pauschale und bekommt dafür die Garantie, dass eine bestimmte Transportleistung jederzeit abrufbar ist. Salopp ausgedrückt: railCare fährt, und Siemens kümmert sich um den Rest. Dazu gehören die Disposition und das Management des präventiven Unterhalts, also von Kontrollen, Revisionen, Software-Anpassungen, Rädertausch und ähnlichen Arbeiten ausschliesslich innerhalb der geplanten Stillstandzeiten ebenso wie das, was die Branche "korrektiven Unterhalt" nennt, also die Behebung von Störungen und Schäden.

Nutzung von Smart Data

Intensive Betreuung verlangt intensiven Kontakt, deshalb stehen die Loks – ausser jenen von railCare sind es mittlerweile mehr als 350 von rund 30 verschiedenen Betreibern – in einem dauernden Datenaustausch mit dem "Rail Support Center" von Siemens in Erlangen. Diverse Sensoren im Fahrzeug liefern permanent die Parameter der Fahrt sowie relevante technische Daten wie Temperaturen, Drücke, Vibrationen, Schalterstellungen und ähnliches. Diese Informationen werden fortwährend ausgewertet und bilden die Grundlage für die Planung des regulären Unterhalts während der nächsten Monate. Weichen die Daten in ungewöhnlichem Ausmass von der Norm ab oder meldet ein Lokführer ein Problem, organisieren die Spezialisten im „Rail-Support Center“ die gebotenen Massnahmen: Eine Kontrolle oder Bagatell-Reparatur während des nächsten fahrplanmässigen Halts, einen Eingriff während des nächsten geplanten Stillstands – oder die Reparatur und gegebenenfalls der Einsatz einer Ersatzlok, wenn dies nötig ist.

Es versteht sich von selbst, dass die dermassen "hautnahe" Betreuung von Lokomotiven, welche andauernd durch halb Europa fahren, eine grosse Herausforderung ist. Deshalb pflegt Siemens eine intensive Zusammenarbeit mit kompetenten Partnern in den durchfahrenen Ländern. In der Schweiz ist es die SBB Cargo AG mit ihren vier Instandhaltungs-Standorten Dietikon, Brig, Chiasso und Muttenz. Dort verfügt sie nicht nur über kompetentes und "Vectron-kundiges" Personal (ihre Schwester SBB Cargo International wird ab Dezember 2017 selber 18 Vectron-Lokomotiven einsetzen), sondern auch über ein von Siemens gestelltes Ersatzteillager.
Hinter dem Vertrag zwischen Siemens und railCare steht also eine ansehnliche und recht komplexe Organisation. Sie lohnt sich, weil sie es allen Beteiligten erlaubt, sich auf ihre jeweiligen Kernkompetenzen zu konzentrieren: Siemens und ihre Partner auf die Instandhaltung von Lokomotiven, und railCare auf die regelmässige und pünktliche Belieferung der Logistik-Standorte von Coop.

RailCare-Strecken
1. Felsberg - Schafisheim - Chavornay - Schafisheim - Felsberg
2. Thun-Gwatt - Schafisheim - Thun-Gwatt
3. Schafisheim - Niederbottigen - Brig - Niederbottigen - Schafisheim
4. Schafisheim - Castione - Balerna/Stabio - Schafisheim
5. Schafisheim/Oensingen - Aclens - Genf - Aclens - Schafisheim/Oensingen
6. Aclens - Genf - Aclens - Genf – Aclens

Fahren statt kaufen

RailCare ist nicht die einzige Schweizer Eisenbahngesellschaft, welche sich auf die Vectron von Siemens als Standard-Güterzugslok verlässt. Bei der BLS sind aktuell 5 Maschinen des Typs im Einsatz, weitere 10 werden noch ausgeliefert. SBB Cargo International wird ab Dezember 2017 mit 18 Einheiten folgen. Diese sind allerdings nicht im Besitz des Bahnunternehmens, sondern vom Leasing-Unternehmen LokRoll AG an die Bahn vermietet. Die LokRoll ihrerseits gehört der Luzerner Privatbank Reichmuth & Co.
Damit manifestiert sich im Eisenbahnwesen ein Trend, der bei Schiffen und bei Verkehrsflugzeugen (zum Teil auch bei Lastwagen) schon seit Jahrzehnten zu beobachten ist: Teure, professionell eingesetzte Fahr- beziehungsweise Flugzeuge sind eine gute Kapitalanlage. Sie sind kapitalintensiv, langlebig und mobil, will heissen: bei Veränderungen in der weltwirtschaftlichen Lage lassen sie sich leicht verschieben.