Zwei Abschnitte des schweizerischen Bahnnetzes sind derzeit mit dem neuen europäischen Standard-Zugsicherungssystem ETCS (European Train Control System) ausgerüstet: Die 50 km lange Neubaustrecke zwischen Mattstetten und Rothrist auf der SBB-Linie Bern-Olten (mit einem 12 km langen Ast nach Solothurn) sowie der 35 km lange Lötschberg-Basistunnel der BLS. Auf diesen Streckenabschnitten gibt es keine Lichtsignale; die Züge werden von Computern kontinuierlich überwacht, die entsprechenden Anweisungen von einem Kontrollzentrum (Radio Block Center oder kurz RBC) per Funk in die Triebfahrzeuge gesandt und ihre Ausführung überwacht. Im Vergleich zur klassischen, punktförmigen Verkehrsüberwachung mittels Lichtsignalen und Blockabschnitten ermöglicht diese Technik sowohl dichtere Zugfolgen bei höheren Geschwindigkeiten als auch eine beträchtliche Steigerung der Sicherheit.

So wie bis hierher beschrieben ist ETCS entsprechend dem heute gültigen Stand der Technik vollumfänglich realisiert, „echtes“ ETCS sozusagen. Die Fachleute nennen es „ETCS Level 2“ (oder kurz ETCS L2). Eine vereinfachte Version ist als „ETCS Level 1 Limited Supervision“ (ETCS L1 LS) bekannt und wird derzeit auf einem grossen Teil des SBB-Streckennetzes verwirklicht (siehe Bericht in Panorama 2/13). Hier bleiben die Lichtsignale stehen, der Verkehr wird also weiterhin nur punktförmig überwacht; nach ETCS-Standard elektronisch ausgeführt beziehungsweise überwacht wird lediglich die Übertragung der Signalbegriffe in den Führerstand sowie deren korrekte Umsetzung. 


Europa-Standard auch für die Schweiz

Nach den geltenden europäischen Regeln ist ETCS L2 für alle neuen oder neu signalisierten Strecken vorgeschrieben, soweit es sich um Hauptlinien handelt. In der Schweiz wird ETCS L2 zusätzlich für Strecken mit Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 160 km/h verlangt, da dort eine korrekte Beobachtung der Signale aufgrund der hohen Tempi nicht mehr sichergestellt werden kann. Verschiedene Staaten nehmen den Technologieschritt zum Anlass, gleich ihr ganzes Bahnnetz entsprechend auszurüsten. Weit fortgeschritten sind dabei Luxemburg, Dänemark, Österreich und die Schweiz, die ab 2025 ETCS L2 flächendeckend einführen wird. Das Programm der SBB sieht vor, beim Ersatz veralteter Stellwerkstechnik jeweils zum Standard ETCS L2 zu wechseln, bis das ganze Netz der neuen Norm entspricht. Auf einer vorerst 15 km langen Pilotstrecke zwischen Sion und Sierre im Kanton Wallis werden die SBB und Siemens die neue Technik ab 2016 im Alltagsbetrieb testen (siehe Kasten).

Dass im Wallis etwas erprobt werden soll, was andernorts seit zehn Jahren bestens funktioniert, ist nur auf den ersten Blick paradox. Die bestehenden Schweizer ETCS-Streckenabschnitte beschränken sich auf Schnellfahrstrecken, umfassen nur wenige speziell konstruierte Weichen und werden von den Zügen im Normalfall ohne Halt, auf jeden Fall jedoch ohne Manöver durchfahren. Auf der erwähnten Strecke im Wallis befinden sich hingegen mit Sion und Sierre zwei grössere Bahnhöfe. Hier bietet sich somit die Gelegenheit, die an sich schon komplexe Technik inklusive Kontrollzentrum auch mit anspruchsvollen betrieblichen Abläufen zu erproben: Tests mit anhaltenden und startenden Zügen, in ein besetztes Gleis einfahren, Rangieren, Züge wenden, trennen und vereinigen, Lokwechsel, Langsamfahrstellen einbinden und vieles mehr wurde auf den bisherigen Strecken nicht realisiert. Dabei geht es auch um das Zusammenspiel des Gesamtsystems an neuen Schnittstellen, die bisher irrelevant oder aber mit konventionellen, optischen Signalen abgesichert waren.

Ein Beispiel: Rangierfahrten innerhalb eines Bahnhofs werden auch künftig durch Zwergsignale geführt. Ein Fahrzeug welches rangieren will, muss dafür aber eine Bewilligung von der Streckenzentrale einholen. Diese kann dann sicherstellen, dass eine Bewilligung nur unter definierten Bedingungen erteilt wird. Nach getaner Arbeit meldet sich der Lokführer beim ETCS erneut an und fährt wieder unter dessen Obhut. Die Streckenzentrale muss dann die neue Position des Fahrzeugs feststellen, bevor sie dessen Überwachung und Führung wieder übernimmt. All das muss auch unter erschwerten Bedingungen funktionieren, jeder denkbare technische oder menschliche Fehler abgedeckt sein.

Solche alltäglichen Prozesse müssen ausführlich getestet werden, obwohl sie Teil der Standard-Spezifikationen von ETCS L2 sind. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Vor allem erfordert die länderspezifische Infrastruktur spezielle Anpassungen, und auch die Vorschriften und Fahrdienstreglemente müssen aufgrund der Einführung von ETCS L2 grundlegend überarbeitet und erprobt werden. Dazu werden die SBB und Siemens Schweiz das System auf Herz und Nieren testen, bevor ETCS L2 ab 2025 langsam zum netzweiten Standard für die nächsten paar Jahrzehnte wird.

Testcenter in Wallisellen

Ab 2016 startet auf der Strecke zwischen Sion und Sierre der ETCS-Einsatz auch in grösseren Bahnhöfen mit komplexem Betrieb. Da es sich um eine für den nationalen und internationalen Verkehr wichtige Strecke handelt, muss von Anfang an eine maximale Verfügbarkeit sichergestellt werden. Siemens Schweiz, Mobility and Logistics hat deshalb am Hauptsitz in Wallisellen eigens für dieses Projekt ein Testcenter eingerichtet. Es enthält sämtliche elektronischen Komponenten der künftigen Anlage:

  • Ein Leitsystem Iltis
  • Ein elektronisches Stellwerk Simis W
  • Ein Radio Block Center (RBC)
  • Ein Bordgerät, wie es in den Triebfahrzeugen vorhanden ist (On-Board Unit)
  • Eine Testumgebung, welche die einzelnen Komponenten verbindet.

In der Anlage werden die einzelnen Subsysteme sowohl einzeln wie in zunehmend integriertem Zustand getestet. Im Endausbau wird im Testcenter sogar die Kommunikation zwischen der Strecken- und der Fahrzeugausrüstung über das auch in Wallisellen vorhandene GSM-R-Funknetz der SBB abgewickelt. Später werden die im Labor gewonnenen Erkenntnisse im Rahmen eines Feldversuchs in der Station Hunzenschwil AG (Linie Lenzburg-Oftringen) verifiziert.

Das Testcenter in Wallisellen ist kein Provisorium, sondern gemäss Wunsch der SBB auf Dauer angelegt. Während der netzweiten Einführung von ETCS L2 sowie nach der Vollendung des Projekts soll es der Weiterentwicklung der Technik sowie der Erprobung neuer Software-Versionen dienen.