Die Züge der Berner Oberland-Bahn (BOB) dürften «bald nicht mehr vor Ort gesteuert werden», genau wie seit einiger Zeit jene der Gornergrat Bahn (GGB) in Zermatt. So beschrieb es unlängst eine grosse Schweizer Zeitung. Aber ganz so ist es natürlich nicht: Am Gornergrat ebenso wie in den Lütschinentälern fahren die Züge auch in Zukunft nicht «ferngesteuert», wie der Zeitungstitel vermuten lässt, sondern nach dem Willen eines Lokführers und den Anweisungen eines lokalen Zugverkehrsleiters. Und letzterer wird wie ehedem, so auch in Zukunft ganz in der Nähe vor den Bildschirmen eines Iltis-Leitsystems sitzen, das heisst im Falle der BOB in Wilderswil, wo die neue Leitstelle angesiedelt ist.

Alles wie gehabt – und doch neu

Neu ist, dass nach dem Muster der Gornergrat Bahn ab 2019 wohl auch die BOB das Siemens-Produkt «Iltis as a Service» nutzen wird. Das heisst:  Der Iltis-Arbeitsplatz bleibt, wo er immer war, aber der Rechner, also das Herz des Systems, steht nicht mehr in der  BOB-Leitstelle, sondern bei Siemens  in Wallisellen in der Nähe von Zürich.
Dazwischen leiten redundante und verschlüsselt konzipierte Glasfaserleitungen die Daten hin und her. Das hat, wie alles, einen Nutzen und einen Preis. Der Preis besteht darin, dass die Datenverbindung zwischen dem Rechner und den betreuten Bahnanlagen extremen Sicherheitsanforderungen genügen muss. Sie besteht deshalb aus zwei
separaten Glasfasern, zwischen denen keinerlei irgendwie geartete Verbindung besteht und die auch geografisch ver-schieden geführt sind. Dadurch ergibt sich eine praktisch hundertprozentige Verfügbarkeit. Den resultierenden Kosten steht der Vorteil gegenüber, dass der Kunde die Anlagen jederzeit nutzen kann, ohne sich mit ihrem Unterhalt auseinandersetzen zu müssen. Störungen können blitzartig behoben werden, weil die entsprechenden Spezialisten buchstäblich immer im Haus sind. Auch die Software-Pflege entfällt, denn sie ist wie alle anderen Aufwendungen in einer jährlichen Pauschale enthalten.

Fachkompetenz erhalten

So weit die allgemein gültigen Fakten. Im Falle der BOB kommt noch ein  weiteres Argument hinzu: Indem sie die Betreuung der elektronischen Leittechnik an Siemens auslagert, kann sie von deren Fachwissen in grossem Masse profitieren. Das ergänzt sich optimal, weil die BOB im Bereich der elektromechanischen Sicherungstechnik überdurchschnittliche Fachkompetenz aufweist. Mit dem Bahnhof Zweilütschinen als einzige Ausnahme (Zweig Grindelwald und Depot Domino 67) gehören sämtliche BOB-Stellwerke zur Domino- 69-Familie, werden von eigenem Personal gewartet und, mehr noch, sogar modifiziert und neu gebaut. Es gibt vermutlich nicht manche Bahn dieser Grösse, die sich mit Relais-Stellwerken so gut auskennt. Für John Meyer, den Leiter Technischer Unterhalt der BOB, sind deshalb die Prioritäten klar: Statt sich jetzt in beiden Welten zu verzetteln, Leute umzuschulen oder neu einzustellen, soll sich die BOB vorderhand auf die Nutzung ihres wertvollen Relais-Know-hows konzentrieren. In den nächsten Jahren steht ein grösserer Umbau des «BOB-Hauptbahnhofs» Zweilütschinen an. Dann wird möglicherweise der Moment gekommen sein, um generell auf die Elektronik umzusteigen und auch das Personal entsprechend umzuschulen.

Erfolgreiche BOB-Geschichte

Bereits 1873 hatten touristisch interessierte Kreise die Idee, in den beiden Lütschinentälern eine Dampfeisenbahn zu betreiben. Der Gemeinderat der Ortschaft Aarmühle,  die 1891 in «Interlaken» umbenannt wurde, lehnte jedoch die ersten Projekte ab. Auch die benachbarten Gemeinden Matten, Unterseen, Wilderswil und Bönigen waren kritisch eingestellt. Auch Grindelwald war zu Beginn dagegen, und die Verantwortlichen von Lauterbrunnen zeigten sich unentschlossen. Mit der Aussicht auf gute Geschäfte änderte sich jedoch die öffentliche Meinung und das Vorhaben erhielt von breiten Kreisen Unterstützung. Am 2. November 1888 wurde die Berner Oberland Bahn (BOB) in Interlaken gegründet – weniger als zwei Jahre später konnte die Meterspurbahn bereits eröffnet werden. Im Jahr 1914 wurde das Bahnnetz elektrifiziert.
Auch heute noch verbindet die BOB die Touristenmetropolen Interlaken, Grindelwald und Lauterbrunnen. Im Normalbetrieb werden zwei Zugskompositionen zusammengekoppelt, die bis Zweilütschinen fahren und dort getrennt werden: Der eine Zug fährt nach Grindelwald, der andere nach Lauterbrunnen. In den letzten Jahren sind sämtliche Kompositionen pendelfähig zusammengestellt worden. Das Triebfahrzeug befindet sich auf der Bergseite. Auf der Talseite ist immer ein Steuerwagen mit einem Führerstand, so dass in den Kopfbahnhöfen nicht rangiert werden muss.