Herr Jánszky, die Generation Y der heute 16- bis 35-Jährigen ist die erste der sogenannten Digital Natives. Worin unterscheiden sich die Denkmuster von Menschen, die nie eine andere als die digitale Welt kennengelernt haben, ganz grundsätzlich von denen der Älteren?

Sven Gábor Jánszky: Ich sehe da vor allem zwei entscheidende Punkte. Zum einen besitzt die Generation Y ein deutlich ausgeprägteres Sensorium für die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die ihr die Digitalisierung bietet – und für die enorme Freiheit, die damit für den Einzelnen verbunden ist. Viele Angehörige vorheriger Generationen erleben die Digitalisierung dagegen eher als Beschneidung der persönlichen Freiheit. Ein vielleicht noch gravierenderer Unterschied zeigt sich im Hinblick auf das Verhältnis zwischen der Anzahl an Möglichkeiten und der Zeit, die für deren Nutzung zur Verfügung steht. Die Generation Y strebt nicht mehr nach einer Maximierung ihrer Handlungsoptionen, denn davon hat sie mehr als genug – für sie ist der limitierende Faktor die Zeit. Und genau das macht sie zum massgeblichen Kriterium bei all ihren Überlegungen.

Wie wird der extrem hohe Stellenwert des Faktors Zeit bei den Digital Natives die Welt der Mobilität verändern?

Fundamental. Die Vorgängergenerationen gingen davon aus, dass sie gar keine Möglichkeit haben, im Bereich der Mobilität allzu viel Zeit zu sparen. Deshalb wollte man sich die vielen Stunden, die man unterwegs verbringt, so angenehm wie möglich gestalten. Das Ergebnis waren die Autos, wie wir sie heute kennen: möglichst schnell, möglichst sicher, möglichst komfortabel. Aber im Zentrum dieses automobilen Weltbilds stand immer ein aktiver Fahrer. Diese Vorstellungen teilen die Digital Natives nicht. Das beginnt schon damit, dass sie physische Mobilität gewissermassen als ein nicht mehr notwendiges Übel betrachten, das sich auf ein Minimum beschränken sollte.

Und wie genau wird jemand unterwegs sein, der eigentlich gar nicht unterwegs sein will?

Wenn die Digital Natives mobil sein müssen, möchten sie diese Zeit wenigstens anderweitig sinnvoll nutzen. Das wiederum funktioniert nur in Vehikeln ohne aktiven Fahrer, in denen der Mensch ein Passagier ist, der sich mit anderen Dingen beschäftigen kann: Arbeiten, essen, mit seinen Kindern spielen, Fitnessübungen machen oder schlafen beispielsweise. Diesem augenblicklichen Nutzungswunsch sollte sich das Auto idealerweise anpassen, während es den Nutzer schnell und sicher von A nach B bringt. Es stellen sich also ganz andere Anforderungen, die zu ganz anderen Produkten führen – und letztlich auch zu ganz anderen Geschäftsmodellen.

Was bedeutet das für die klassischen Autohersteller?

Meines Erachtens müssen sie so schnell wie möglich akzeptieren, dass sie ihr Geld in absehbarer Zukunft nicht mehr mit dem Verkauf von Fahrzeugen verdienen können. Denn je mehr selbstfahrende Autos existieren und per Smartphone-App jederzeit für jeden verfügbar sind, desto weniger Sinn wird es für den Einzelnen machen, ein eigenes Auto zu besitzen. Die Autohersteller müssen sich zu Mobilitätsdienstleistern entwickeln. Allerdings darf man sich dabei keine Illusionen machen: Der Mobilitätsmarkt von morgen wird so hart umkämpft sein wie nie zuvor – mit deutlich mehr Wettbewerb und extrem sinkenden Preisen. Ein Blick auf die Entwicklung bei Commodities wie Strom oder Telekommunikation liefert da sicherlich einen ganz guten Anhaltspunkt. Das halten die Digital Natives übrigens auch für völlig normal bei etwas, das permanent zur Verfügung steht.

Denken Sie beim Thema Wettbewerb an Newcomer wie Uber, Lyft & Co.?

Ja, aber bei weitem nicht nur. Dazu kommen zum Beispiel Mietwagenfirmen und Anbieter aus anderen Mobilitätsbereichen wie etwa Fluglinien oder Bahnbetreiber. Selbst völlig branchenfremde Firmen wie Kaufhaus- oder Supermarktketten könnten daran denken, ihre Fahrzeugflotten teilweise auf dem freien Markt für Personen- oder Gütertransporte anzubieten.

In einer aktuellen Trendstudie kommen Sie zu dem Schluss, der ÖPNV müsse sich neu erfinden. Wie könnte dieser Prozess aussehen?

Das Wichtigste ist: Die Verkehrsbetriebe sollten sich sehr detailliert damit auseinandersetzen, gegen wen sie künftig konkurrieren – und um wessen Gunst sie kämpfen. Die Digital Natives werden naturgemäss einen immer grösseren Anteil an der Zielgruppe der Verkehrsbetriebe einnehmen, und sie werden von immer mehr Marktteilnehmern umworben, die ihnen sehr günstige und sehr individuelle Angebote machen. Auf dieses Szenario gilt es, schlüssige Antworten zu finden. Ich würde zum Beispiel Angeboten, die den Nutzern einen Zeitvorteil versprechen, generell ganz gute Erfolgsaussichten einräumen.

Wie halten es denn die Digital Natives mit ihren Emotionen im Hinblick auf die Mobilität? Ist für sie das Auto kein Statussymbol mehr, das Autofahren kein Sinnbild von Freiheit, Individualität und Souveränität?

Nein, auch in dieser Hinsicht ist die Generation Y ziemlich rational unterwegs – und zudem sehr differenziert, wie sich gerade beim Stichwort Freiheit zeigt. In Ballungsräumen erhöht es die persönliche Freiheit, wenn man kein eigenes Auto hat, also werden junge Städter keinen Grund sehen, sich eines zu kaufen. In der Fläche stellt sich das schon anders dar. Dort gibt es vermutlich keinen Anbieter, der dem Nutzer innerhalb von maximal zehn Minuten ein per Smartphone geordertes Fahrzeug vor die Tür stellt. Deshalb werden die Digital Natives in ländlicheren Regionen sicherlich auch weiterhin ein Auto besitzen.

Vor 20 Jahren wäre die damals weitverbreitete Angst der Menschen vor neuen Technologien noch eine hohe Hürde vor der Einführung autonomer Autos gewesen. Heute nicht mehr?

Technophobie tritt grundsätzlich nur gegenüber Technologien auf, die neu in unser Leben kommen, nicht gegenüber solchen, die von unserer Geburt an schon da waren. Kein Mensch ist technophob gegenüber seinem Fernseher. Die Digital Natives sind genauso technophob wie alle anderen Generationen, aber eben nicht der digitalen Technologie gegenüber, mit der sie ja aufgewachsen sind.

In welche Richtung müsste sich nach Ihrer Vorstellung die moderne Verkehrstechnik entwickeln, um sich fit für die Zukunft zu machen?

Sie müsste erkennen und erarbeiten, welche Rolle sie innerhalb der innovativen, intelligenten und intermodalen Mobilitätsnetzwerke spielen will. Wie kann sie die zahlreichen Subsysteme integrieren, mit denen die neuen Anbieter ihre autonomen Flotten steuern? Wie kann sie ihre Sensorik einsetzen, um das grosse Ganze noch schneller und effizienter zu machen? Sie kann auch überlegen, ob sie nicht ihren Know-how-Vorsprung ausspielt und selbst zum Player auf dem Mobilitätsmarkt wird, indem sie zum Beispiel einen eigenen intelligenten Mobilitätsassistenten anbietet.


Sven Gábor Jánszky

Sven Gábor Jánszky (41) ist Trendforscher und Direktor des 2b AHEAD Thinktanks in Leipzig. Auf seine Einladung treffen sich seit zwölf Jahren 250 CEO und Innovationschefs der deutschen Wirtschaft, um über Zukunftsszenarien zu diskutieren.