Als Sieger des "Schweizer Jugend forscht Siemens Awards" erhält der 17-jährige Timon Gehr aus Rehtobel (AR) die Chance eine Woche in der Softwareentwicklung zu arbeiten. Was er dabei alles erlebt erzählt er hier.

Mit etwas Verspätung bei der Haltestelle „Siemens“ angekommen, versuchte ich zunächst, das Hauptgebäude zu finden. Nach anfänglicher Konfusion, die durch eine gewisse Punktsymmetrie des Areals entstand, fand ich den Haupteingang. Nach kurzer Konversation mit der Dame am Empfang wurde ich von der Kommunikationsabteilung empfangen. Im Austausch gegen meine Unterschrift erhielt ich ausserdem einen Badge, der mir den Zutritt zum gesicherten Büro ermöglicht.
Schliesslich im Büro angekommen, wurde ich in meine Aufgabe sowie in die Kernprozesse der Softwareentwicklung eingeführt, nachdem ich, wie jeder neue Mitarbeiter, von allen anderen im Büro begrüsst wurde. Die gestellte Aufgabe (Projekt FIBOexpress) erwies sich als unerwartet einfach: Es besteht vereinfacht, Fibonacci-Zahlen zu berechnen und die Laufzeiten grafisch darzustellen. Allerdings besteht der Zweck der Übung ja auch darin, mir einen Einblick in die professionelle Softwareentwicklung zu geben, und nicht mich mit Arbeit zu überfluten. Nach dem Mittagessen in der Siemens-Kantine hatte ich Zeit, mich weiter mit der Aufgabenstellung im sogenannten. „Pflichtenheft“ auseinanderzusetzen und etwas mit C# zu experimentieren. Der mir dafür zur Verfügung gestellte, eigens dafür erworbene Laptop ist allerdings an das WWW und nicht an das interne Netzwerk der Siemens angeschlossen, um das von mir dargestellte Sicherheitsrisiko zu verkleinern.

Zum zweiten Arbeitstag angetreten, war ich zunächst damit beschäftigt, mich mit WPF vertraut zu machen und die simulierte B130-Sitzung des Projektes vorzubereiten, die schliesslich am frühen Nachmittag stattfand. Mein Konzept wurde vom Qualitätsmanager ohne Auflagen abgesegnet. Damit hat das Projekt FIBOexpress den Meilenstein B130 überschritten. Danach erstellte ich unter anderem ein Diagramm der von mir vorgesehenen Programmarchitektur.
Schliesslich erhielt ich eine Führung durch das Inforama, wo ich einige Fakten über die Geschichte und Zukunftsvisionen der Firma Siemens erfuhr. Sobald diese beendet war, bestieg ich das Tram Richtung Zürcher Zoo. Dort erhielt ich eine sehr interessante technische Führung durch die Masoala-Halle, an die Siemens viel Technologie beigesteuert hat. Beispielsweise kann ein Stück Siemens-Technologie den Wasserstand im Wasserreservoir unter der Halle bis auf einen hundertstel Millimeter genau angeben. Beim Rückweg liess ich versehentlich meine Jacke im Tram liegen. Nicht zuletzt mit Hilfe des guten Verkehrsleitsystems der Trams in Zürich konnte ich sie sehr schnell wieder ausfindig machen. Nach dem Abendessen kehrte ich ins Hotel zurück.

Nachdem FIBOexpress den Meilenstein B130 überschritten hatte, ging es nun an die Parts Implementation und Design. Da das Projekt komplett von mir selbst entwickelt wird, habe ich bereits einen grossen Teil dieser Implementationsphase dafür aufgewendet, das Zeichnen des Diagramms in das WPF-Fenster zu ermöglichen.
Alternativ hätte ich diese Funktionalität auch als professionelles Produkt (30-Tag-Trial) aus dem Internet in das Projekt integrieren können.
Ein besonderes Highlight des Tages folgte dann am Mittag in Form eines Essens mit Sigi Gerlach, CEO Siemens Schweiz. Ich durfte ihm mein Mandelbrot-Projekt, welches bei Schweizer Jugend forscht den Sonderpreis von Siemens gewonnen und mir dadurch diese Projektwoche ermöglicht hatte, vorführen.
Am Nachmittag gab es nochmals eine kurze Implementationsphase, auf welche dann das Review meines Codes folgte. Der Code wurde positiv aufgenommen (wobei die ganze Architektur nicht besonders komplex ist, da es sich um ein Kleinprojekt handelt).
Zum Abschluss des Tages durfte ich noch eine sehr interessante zweistündige Führung durch die „Siemens-gepowerte“ Gepäcksortieranlage des Flughafens Kloten besuchen. Diese war sehr eindrücklich, nicht zuletzt deshalb, weil sie, gross und komplex wie sie ist, praktisch voll automatisiert funktioniert.

Den Morgen verbrachte ich ausserplanmässig noch einmal mit der Implementation der Applikation. Deshalb habe ich die Testspezifikationen vernachlässigt. Dies machte sich dann beim B410-Meeting bemerkbar. Der Meilenstein B410 wurde deshalb mit der Auflage erteilt, die Testspezifikationen innert einer Stunde nachzuliefern. Eine Stunde später war diese Auflage dann auch erfüllt.
Am späteren Nachmittag fand eine Führung durch den Lehrlingsbetrieb von Siemens in Zürich statt. Neben der Demonstration des Inventars bestand sie auch in einer Demonstration des Lehrprogramms im ersten Lehrjahr.
Später fuhr ich mit drei Lernenden und einem Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung zur Go-kartbahn, wo wir zwei Rennen fuhren. Ich bin nie zuvor Go-kart gefahren und belegte beide Male den glorreichen vierten von den fünf Plätzen - bezogen auf beste Rundenzeit. Den restlichen Abend verbrachten wir im Restaurant (Und noch etwas später gab ich der Applikation den letzten Schliff).
Nachdem am Donnerstag die Implementationsphase und die Testspezifikationen erfolgreich abgeschlossen wurden, ging es nun daran, den Releasekandidaten FIBOexpress 1.0 zu testen. Das Produkt hatte alle Anforderungen des (simulierten) Kunden erfüllt. Um nun die Systemfreigabe zu erhalten, musste das Projekt einen Mindestanteil von 95% der Testfälle überstehen. Glücklicherweise bestand die Version 1.0 sogar 100% aller Tests.
Am Nachmittag fand dann die Sitzung zur Systemfreigabe (B600) Statt. Nach der Präsentation des Projektstandes durch mich in der Funktion des Projektleiters, legte der Qualitätsmanager seinen Stand der Dinge dar. Nachdem der Qualitätsmanager nochmals kritisch einige der Tests überprüft hatte, stimmten Projektleiter und Qualitätsmanager in ihrem Antrag überein, dem Projekt den Meilenstein B600 ohne Auflagen zu erteilen. Das Management nahm diesen Antrag an. Damit war die Systemfreigabe von FIBOexpress 1.0 abgeschlossen.
Am Ende der Sitzung gab es noch eine Überraschung. Ich durfte den Laptop, mit dem ich die ganze Woche gearbeitet hatte, mit nach Hause nehmen. Doch der Laptop und die Software-Lösung, die ich darauf entwickelt habe, sind nicht die einzigen Dinge, die ich von dieser spannenden und lehrreichen Woche mit nach Hause nehmen kann. Nach dieser Woche besitze ich nun ein grundlegendes Verständnis der Prozesse der professionellen Software-Entwicklung in der Industrie sowie von einigen modernen und nützlichen Entwicklungswerkzeugen.

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